Das Bruttosozialprodukt taugt nicht als Maßstab für unseren Erfolg, weil es die Schäden, die wir der Umwelt zufügen, nicht einrechnet. Diesen Satz habe ich bereits 2020 gesagt, und er gilt heute mehr denn je. Ein Unternehmen, das Ressourcen verbraucht, Emissionen ausstößt und Abfall erzeugt, erscheint in der klassischen Bilanz genauso erfolgreich wie eines, das nachhaltig wirtschaftet.

Daran ändert sich gerade Grundlegendes, und Projektleiter stehen dabei in der ersten Reihe. Denn jede Strategie, jede Transformation und jedes Vorhaben wird letztlich als Projekt umgesetzt. Wer künftig Projekte leitet, wird Nachhaltigkeit nicht mehr als freiwilliges Zusatzthema behandeln können. Sie gehört zum Kern professioneller Projektarbeit.

Was ich 2020 gesehen habe und was längst eingetreten ist

Als ich 2020 über die Megatrends unserer Zeit sprach, nannte ich zwei als besonders prägend, die digitale Transformation und den notwendigen Umbau zur ökologischen Kreislaufwirtschaft. Über den digitalen Wandel spricht heute jeder. Den ökologischen Umbau dagegen haben viele lange als weiches Thema behandelt, wichtig zwar, aber im Grunde freiwillig.

Für mich stand damals fest, dass die planetaren Grenzen bereits überschritten sind. Beim CO2-Ausstoß, bei der Versauerung der Ozeane, bei der biologischen Vielfalt und beim Energieverbrauch leben wir über unsere Verhältnisse. Ich habe deshalb vorausgesagt, dass Investitionen und Projekte künftig auch nach Kriterien der Nachhaltigkeit bewertet werden, und zwar unausweichlich.

Fünf Jahre später ist aus der Prognose eine Pflicht geworden.

Wie ESG und CSRD Nachhaltigkeit zur gesetzlichen Anforderung machen

Aktualisierung 2025: Was 2020 noch als Trend der Zukunft galt, ist heute geltendes Recht und betrifft jeden Projektleiter unmittelbar.

Die Europäische Union hat mit der Corporate Sustainability Reporting Directive, kurz CSRD, eine Berichtspflicht eingeführt. Sie verpflichtet Unternehmen, ihre Leistungen in der Nachhaltigkeit nachvollziehbar und messbar offenzulegen. Allein in Deutschland sind seit Januar 2025 rund 15.000 Unternehmen berichtspflichtig, und bis 2027 werden es mehr als 50.000 sein.

Hinzu kommt das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, kurz LkSG, das auch kleinere Zulieferer in die Pflicht nimmt. Nachhaltigkeit ist damit kein freiwilliger Zusatz mehr. Unternehmen, die die ESG-Kriterien nicht erfüllen, riskieren Bußgelder, einen beschädigten Ruf und Schwierigkeiten, Kapital zu beschaffen.

Wofür ESG im Einzelnen steht

ESG steht für drei Dimensionen, die künftig jedes Projekt betreffen.

  • E wie Environmental steht für die ökologischen Auswirkungen, also die CO2-Bilanz, den Ressourcenverbrauch, die Vermeidung von Abfall und die Kreislaufwirtschaft.
  • S wie Social steht für die soziale Verantwortung, also faire Arbeitsbedingungen, transparente Lieferketten und das Gemeinwohl.
  • G wie Governance steht für die Unternehmensführung, also Transparenz, die Einhaltung von Regeln und ethisch begründete Entscheidungen.

Für Projektleiter folgt daraus, dass das klassische magische Dreieck aus Zeit, Kosten und Qualität nicht mehr ausreicht. Die GPM spricht bereits von einer „Doppelpyramide“, die Kultur und Nachhaltigkeit als weitere, gleichwertige Dimensionen hinzunimmt.

Was die Kreislaufwirtschaft in Projekten verändert

Die Kreislaufwirtschaft ist das wirtschaftliche Leitbild hinter dem ökologischen Umbau. Bisher folgt die Wirtschaft meist dem Dreischritt, Rohstoffe zu entnehmen, daraus Produkte herzustellen und diese am Ende wegzuwerfen. Die Kreislaufwirtschaft setzt stattdessen auf Wiederverwendung, Reparatur, Recycling und einen sparsamen Umgang mit Ressourcen. Das klingt zunächst nach einem Thema für die Umweltabteilung. Tatsächlich verändert es die Projektarbeit von Grund auf.

Wo sich die Kreislaufwirtschaft im Projektalltag bemerkbar macht

  • Bei der Auswahl und Priorisierung von Projekten stellt sich die Frage, welche Vorhaben im Portfolio Vorrang erhalten. Künftig zählen Kriterien der Nachhaltigkeit und die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die SDGs, ebenso viel wie Wirtschaftlichkeit und strategische Bedeutung.
  • In der Projektplanung müssen Materialwahl, Lieferketten und Energieverbrauch von Anfang an mitgedacht werden. Projektleiter brauchen dafür Grundkenntnisse über nachhaltige Materialien und Verfahren.
  • Im Stakeholdermanagement fragen Kunden, Investoren und Aufsichtsbehörden ausdrücklich nach Nachweisen zur Nachhaltigkeit. Wer sie nicht liefern kann, verliert Aufträge und Finanzierungen.
  • Bei der Messung des Projekterfolgs reichen die klassischen Kennzahlen nicht mehr aus. Zusätzlich werden die CO2-Bilanz, die Ressourceneffizienz und die soziale Wirkung erfasst und berichtet.
  • Beim Projektabschluss stellt sich die Frage, was nach dem Projektende mit Materialien, Infrastruktur und Wissen geschieht. Wer in Kreisläufen denkt, hat den gesamten Lebenszyklus im Blick.

Wie weit Nachhaltigkeit in der Projektpraxis schon angekommen ist

Die GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement hat 2024 erstmals den „Projektportfolio Sustainability Monitor“ veröffentlicht. Die Studie beruht auf den Angaben von 224 Vertreterinnen und Vertretern aus Unternehmen und untersucht, wie weit Nachhaltigkeit in der Projektpraxis bereits verankert ist. Das Ergebnis ist aufschlussreich.

„Strategische Bedeutung und finanzielle Kennzahlen wie Wirtschaftlichkeit, erwartete Erlöse und Projektbudget sind noch die dominierenden Kriterien bei der Auswahl von Projekten. Die Einbindung der SDGs bleibt in vielen Unternehmen noch unzureichend verankert.“ – GPM Projektportfolio Sustainability Monitor 2024

Die Pflicht besteht also, doch die Praxis hinkt hinterher. Darin liegt eine Gelegenheit für Organisationen und Projektleiter, die jetzt vorangehen.

Was das für dich als Projektleiter bedeutet

Ich sage es seit 2020, und die Entwicklung bestätigt es: Das Projektmanagement wird zum Schlüssel der ökologischen Transformation. Jede Veränderung, ob Energiewende, Produktumstellung oder Gebäudesanierung, wird als Projekt umgesetzt. Wer Projekte professionell führen kann, treibt den Wandel voran.

Damit wird die Kompetenz in Fragen der Nachhaltigkeit zu einer Kernkompetenz im Projektmanagement, gleichrangig mit klassischen Methodenkenntnissen wie Risikoanalyse, Stakeholdermanagement und Projektsteuerung.

Für deinen Projektalltag lassen sich daraus fünf Aufgaben ableiten.

  • Die Grundlagen von ESG gehören zum Handwerkszeug. Dazu zählt das Wissen, was die Berichtspflichten für dein Unternehmen und für deine Projekte bedeuten.
  • Kriterien der Nachhaltigkeit gehören von Beginn an in den Projektauftrag und nicht erst nachträglich.
  • Im Lebenszyklus zu denken heißt zu fragen, wie das Projektergebnis über seine Nutzungsdauer hinaus wirkt.
  • Das Gespräch mit den Stakeholdern wird wichtiger, denn Kunden, Investoren und Aufsichtsbehörden erwarten Antworten auf ihre Fragen zur Nachhaltigkeit.
  • Messbar wird Nachhaltigkeit erst durch klare Kennzahlen, über die du ebenso selbstverständlich berichtest wie über Termine und Kosten.

Warum das Bruttosozialprodukt trügt und Projektleiter das ändern können

2020 habe ich gesagt, dass das Bruttosozialprodukt als Maßstab für Erfolg zu kurz greift, weil es ökologische und soziale Schäden nicht einrechnet. Heute sehe ich, wie sich die Rahmenbedingungen verändern, durch Gesetze, durch den Druck der Märkte und durch eine neue Generation von Investoren und Kunden.

Projektleiter, die Nachhaltigkeit nicht als zusätzlichen Aufwand begreifen, sondern als Teil professioneller Projektarbeit, werden diese Transformation gestalten. Die anderen werden dem Druck von Aufsichtsbehörden und Stakeholdern hinterherlaufen.

„Die Frage ist nicht mehr, ob Projekte nachhaltig sein müssen, sondern wie gut wir das organisieren.“ – Andreas Frick, 2025

Im nächsten Beitrag dieser Reihe steht die Frage im Mittelpunkt, welche Fähigkeiten Menschen in einer Arbeitswelt unersetzlich machen, in der Maschinen immer mehr können.

Projektmanagement-Kompetenz für eine nachhaltige Wirtschaft

Projektforum bereitet Projektleiter auf diese Anforderungen vor. Unsere IPMA-Zertifizierungen behandeln Nachhaltigkeit als festen Bestandteil professionellen Projektmanagements, und unsere Seminare zum agilen und hybriden Projektmanagement sind eng an der Praxis ausgerichtet.

Seminare und Termine: www.projektforum.de

Kontakt: info@projektforum.de | Tel. 0234 5882 8081

Quellen: GPM Projektportfolio Sustainability Monitor 2024; GPM Blog: ESG und Projektmanagement (Februar 2025); GPM Blog: Projektmanagement-Trends 2025; EU Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD); Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG)

Dieser Beitrag beruht auf dem YouTube-Vortrag „Zukunft der Arbeit“ von Andreas Frick (Projektforum, 2020), aktualisiert und erweitert 2025.

https://www.youtube.com/watch?v=ZiGwJsZJLDI

Die Reihe: Zukunft der Arbeit — Teil 2 von 5

Alle Teile der Reihe im Überblick