Je mehr Maschinen können, desto dringlicher wird die Frage, was einen Menschen unersetzlich macht. Diese Frage hat mich schon 2020 beschäftigt, als ich über die Zukunft der Arbeit gesprochen habe. Damals war künstliche Intelligenz noch ein Thema für Fachleute. Heute begegnet sie uns täglich, im Büro, im Seminar und im privaten Alltag.
Die Antwort, die ich 2020 gegeben habe, ist heute aktueller denn je. Langfristig macht einen Menschen nicht sein technisches Fachwissen unersetzlich. Unersetzlich machen ihn Fähigkeiten, die in den nächsten Jahrzehnten keine Maschine vollständig nachbilden kann, also Empathie, Kreativität, Urteilsvermögen und das Denken in Systemen. Hinzu kommt die Fähigkeit, mit eben diesen Maschinen sinnvoll zusammenzuarbeiten.
Ich zeige hier, welche Future Skills das Weltwirtschaftsforum und der Stifterverband herausgearbeitet haben, warum meine Liste von sieben Kompetenzen aus dem Jahr 2020 noch immer gilt und was die KI daran verändert hat.
Was 2020 eine Prognose war, prägt 2025 den Arbeitsmarkt
2020 habe ich mich auf die Studien des Weltwirtschaftsforums und der Initiative Industrie 4.0 gestützt und daraus sieben Kompetenzen abgeleitet, die in der neuen Arbeitswelt entscheiden würden. Die Liste entsprach dem damaligen Stand der Forschung. Fünf Jahre später bestätigen aktuelle Studien die Richtung, doch die Dringlichkeit hat erheblich zugenommen.
Aktualisierung 2025: Der Future of Jobs Report 2025 des Weltwirtschaftsforums ist im Januar 2025 erschienen. Er stützt sich auf die Angaben von mehr als 1.000 Unternehmen aus 55 Volkswirtschaften und liefert die bislang aktuellsten Daten zum künftigen Bedarf an Kompetenzen.
Die wichtigste Zahl des Reports betrifft die Weiterbildung. Bis 2030 werden voraussichtlich 59 von 100 Beschäftigten umgeschult oder weitergebildet werden müssen, und elf von ihnen werden diese Weiterbildung nicht erhalten. Weltweit sind das mehr als 120 Millionen Menschen, denen mittelfristig die Arbeitslosigkeit droht.
Zugleich werden sich fast 40 Prozent der Qualifikationen, die heute am Arbeitsplatz gebraucht werden, bis 2030 verändern. Und 63 Prozent der Arbeitgeber sehen in der Qualifikationslücke das größte Hindernis für die Zukunftsfähigkeit ihrer Betriebe.
Welche sieben Kompetenzen zählen und was die KI an ihnen verändert hat
Die sieben Kompetenzen, die ich 2020 aus den Studien des Weltwirtschaftsforums und der Initiative Industrie 4.0 herausgearbeitet habe, gelten weiterhin. Mit dem Wissen von 2025 sieht jede von ihnen jedoch ein wenig anders aus.
1 · Interdisziplinäres Denken und Systemverständnis
Komplexe Probleme lassen sich nicht aus einer einzigen Disziplin heraus lösen. Wer Zusammenhänge erkennt, Wechselwirkungen versteht und über die Grenzen des eigenen Fachs hinausdenkt, behält den Überblick, auch wenn die KI einzelne Aufgaben übernimmt. 2025 ist das Denken in Systemen wichtiger denn je, denn die KI liefert zwar Antworten, die richtigen Fragen aber müssen Menschen stellen.
2 · Soziale Kommunikationskompetenz und Empathie
Empathie lässt sich trainieren. Das habe ich 2020 betont, und es gilt heute umso mehr. Die KI verfasst Texte und ahmt Gespräche nach, doch das echte Verständnis zwischen Menschen, das Vertrauen und die emotionale Resonanz bleiben zutiefst menschliche Fähigkeiten. Der Future of Jobs Report 2025 zählt Führungsfähigkeit und soziale Kompetenz ausdrücklich zu den langlebigen Schlüsselkompetenzen.
3 · Kreativität und Problemlösungskompetenz
Analytisches Denken, Innovation und kreatives Problemlösen stehen seit Jahren an der Spitze der Ranglisten des Weltwirtschaftsforums, und daran ändert sich nichts. Die KI kombiniert vorhandene Muster, der echte schöpferische Durchbruch dagegen entsteht nach wie vor im Kopf eines Menschen. Kreativität ist deshalb keine weiche Fähigkeit, sondern eine Kernkompetenz der Zukunft.
4 · Entscheidungskompetenz in agilen Strukturen
In komplexen Strukturen fallen Entscheidungen dort, wo die größte Kompetenz liegt, und das ist oft bei den Mitarbeitenden und nicht im Management. Dafür braucht es Urteilsvermögen, Mut und die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen. Die KI hilft bei der Auswertung von Daten, die letzte Verantwortung aber bleibt beim Menschen.
5 · Projektmanagement-Kompetenz
Projekte erfolgreich zu definieren, zu planen, zu steuern und abzuschließen, galt 2020 als Kompetenz der Zukunft. 2025 wird es schlicht erwartet. Jede Transformation, jede Innovation und jede Veränderung wird als Projekt umgesetzt, und wer das professionell beherrscht, ist in jeder Branche und in jedem Unternehmen gefragt. Die IPMA-Zertifizierung ist dafür der international anerkannte Nachweis.
6 · Dienstleistungs- und Kundenorientierung
Wo Produkte einander immer ähnlicher werden, entscheiden die Beziehung zum Kunden und der Service. Den Bedarf eines Kunden wirklich zu verstehen und nicht nur zu analysieren, bleibt eine menschliche Stärke. Der Stifterverband nennt in seinem aktualisierten Rahmenmodell für Future Skills von 2025 das unternehmerische Denken und die Kundenorientierung ausdrücklich als Schlüsselkompetenzen.
7 · Zusammenarbeit mit KI und digitalen Systemen
Keine der sieben Kompetenzen hat sich seit 2020 so stark verändert wie diese. Damals sprach ich von der „Fähigkeit zur Handhabung und zum Austausch mit Computern, Maschinen und Netzwerken“. Heute heißt das konkret: Wer KI-Werkzeuge sinnvoll einsetzt, ihre Ergebnisse kritisch prüft und ihren Einsatz verantwortungsvoll steuert, verschafft sich einen entscheidenden Vorsprung. Das Weltwirtschaftsforum zählt KI und Big Data zu den Technologien, nach denen die Nachfrage am schnellsten wächst.
Warum langlebige Kompetenzen mehr zählen als kurzlebige
Der Stifterverband und McKinsey unterscheiden in ihrem Rahmenmodell für Future Skills zwei Arten von Kompetenzen.
- Kurzlebige technische Fähigkeiten sind etwa Programmiersprachen, Kenntnisse bestimmter Software und einzelne digitale Werkzeuge. Nach Schätzungen veralten sie bereits nach zweieinhalb bis fünf Jahren.
- Langlebige Schlüsselkompetenzen sind Kommunikation, Problemlösung, Anpassungsfähigkeit, Urteilsvermögen und Empathie. Sie bleiben auch in einer Welt stabil, die als volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig beschrieben wird, kurz als VUKA-Welt.
Für deine eigene Entwicklung folgt daraus, vor allem in die langlebigen Kompetenzen zu investieren und die technischen Fähigkeiten durch regelmäßiges Auffrischen auf dem aktuellen Stand zu halten. Wer nur auf eines von beiden setzt, verliert.
Berufliche Qualifikationen veralten laut Weltwirtschaftsforum im Durchschnitt nach fünf Jahren, digitale Kompetenzen bereits nach zweieinhalb Jahren. Empathie, Kreativität und das Denken in Systemen gewinnen dagegen mit der Zeit an Wert.
Lebenslanges Lernen ist eine Haltung, keine Pflicht
2020 habe ich gesagt: „Die Mitarbeitenden der Zukunft werden sich selbst ihr lebenslanges Lernprogramm entwerfen, mit Blick auf ihre Interessen, ihre Stärken und ihre Vorstellungen für ihren Beitrag zur Welt.“
Das klingt anspruchsvoll, und das ist es auch. Lebenslanges Lernen ist keine schmückende Floskel, sondern eine Bedingung, ohne die in der neuen Arbeitswelt niemand bestehen wird. Wer aufhört zu lernen, veraltet, und das nicht erst in Jahren, sondern schon in Monaten.
Zugleich liegt in dieser Anforderung eine Chance. Wer Neugier zur Grundhaltung macht und Weiterbildung als Teil des eigenen Selbstverständnisses begreift, wächst mit dem Wandel, statt von ihm eingeholt zu werden.
Was das für Unternehmen bedeutet
Die Entwicklung des Einzelnen allein reicht nicht aus, denn auch die Unternehmen tragen Verantwortung. Der Future of Jobs Report 2025 ist in diesem Punkt deutlich. 63 Prozent der Arbeitgeber nennen die Qualifikationslücke als größtes Hindernis, und zugleich investieren viele von ihnen zu wenig in Umschulung und Weiterbildung.
Für Unternehmen ergeben sich daraus vier Aufgaben.
- Weiterbildungsbudgets sollten nicht nur in technische Fähigkeiten fließen, sondern gezielt auch in die langlebigen Schlüsselkompetenzen.
- Projektmanagement-Kompetenz verdient es, als strategische Ressource behandelt zu werden und nicht als angenehme Zugabe.
- Psychologische Sicherheit ermöglicht es den Mitarbeitenden, neue Fähigkeiten zu entwickeln, ohne Fehler fürchten zu müssen.
- Zertifizierungen sollten anerkannt und gefördert werden, weil die Mitarbeitenden daran sehen, dass ihre Entwicklung zählt.
Die KI verstärkt beides, die Stärken und die Defizite
Die KI verstärkt die Fähigkeiten, die Menschen mitbringen. Wer Empathie mitbringt und KI nutzt, kann empathischer handeln. Wer kreativ denkt und KI einsetzt, findet kreativere Lösungen. Und wer Projekte professionell führt und KI-Werkzeuge einbindet, steuert effizienter und genauer.
Die KI verstärkt aber auch das Defizit. Wer die menschlichen Kernkompetenzen nicht entwickelt, wird durch die KI nicht gestärkt, sondern ersetzt.
„Die Frage ist nicht, ob KI Jobs übernimmt. Die Frage ist, welche Fähigkeiten du entwickelst, damit du derjenige bist, der die KI führt, und nicht umgekehrt.“ – Andreas Frick, 2025
Im nächsten Beitrag dieser Reihe geht es um einen Begriff, der heute überall fällt und dabei für viele seinen Sinn verloren hat, die Agilität, und um die Frage, warum sie viel älter ist, als die meisten vermuten.
Kompetenz, die bleibt: IPMA-Zertifizierung und persönliche Entwicklung
Projektforum begleitet Projektleiter und Führungskräfte dabei, genau die Kompetenzen zu entwickeln, die langfristig zählen. Dazu gehören methodisches Projektmanagement nach IPMA-Standard, persönliche und soziale Kompetenz gemäß ICB 4.0 und die Fähigkeit, Veränderungen nicht nur zu bewältigen, sondern zu gestalten.
Seminare und Termine: www.projektforum.de
Kontakt: info@projektforum.de | Tel. 0234 5882 8081
Quellen: WEF Future of Jobs Report 2025 (Januar 2025); Stifterverband / McKinsey Future Skills Framework (Dezember 2025); WEF Future of Jobs Report 2020; Digital Impact Labs Future Skills 2023; Stifterverband, Future Skills – Welche Kompetenzen in Deutschland fehlen
Dieser Beitrag beruht auf dem YouTube-Vortrag „Zukunft der Arbeit“ von Andreas Frick (Projektforum, 2020), aktualisiert und erweitert 2025.

Die Reihe: Zukunft der Arbeit — Teil 3 von 5


