Haben Sie schon einmal etwas von einem Algorithmen-Versicherer, einem Empathie-Interventionisten oder einem Metaversum-Hausmeister gehört? Nein? Der renommierte Zukunftsforscher Curt Leonhard prognostizierte bereits 2020, dass in zehn Jahren 70 Prozent aller Jobs neue Berufe sein werden – Tätigkeiten, die wir heute noch gar nicht kennen.
Ich habe diesen Gedanken vor fünf Jahren in einem Vortrag aufgegriffen und die Entwicklung der Arbeitswelt analysiert. Was ich damals vorausgesehen habe, ist inzwischen Realität geworden – oft schneller und radikaler, als selbst ich erwartet hatte. Denn seit 2022 hat ein neuer Akteur die Bühne betreten: generative Künstliche Intelligenz. Und die verändert alles noch einmal grundlegend.
In diesem Artikel lesen Sie, was die Studien von damals sagten, welche Prognosen eingetroffen sind – und was das für Ihre Karriere und Ihre Organisation heute bedeutet.
Was die Studien 2020 vorhersagten
Als ich 2020 meinen Vortrag zur Zukunft der Arbeit hielt, lagen die wichtigsten Prognosen auf dem Tisch. Drei Befunde stachen heraus:
„Durch die Digitalisierung werden in den kommenden 10 bis 20 Jahren rund 47 Prozent der Menschen ihre Jobs verlieren.“ – Oxford-Studie zur Computerisierung der Arbeitswelt
Diese Zahl klingt dramatisch – und sie ist es. Entgegen früheren Annahmen prognostizierte die Oxford-Studie erstmals, dass die Digitalisierung mehr Arbeitsplätze vernichten als schaffen würde. Gleichzeitig hatte das Weltwirtschaftsforum einen weiteren Befund: Ein Drittel der heutigen Großunternehmen würde in zehn Jahren nicht mehr existieren.
Wer verliert – wer gewinnt?
Die Studien zeichneten damals ein klares Bild: Nicht Geringqualifizierte und nicht Hochqualifizierte trifft es am härtesten – sondern das breite Mittelfeld. Routinetätigkeiten, die durch Software und Technologie ersetzt werden können, verschwinden:
- Bankangestellte und Anlageberater werden durch Algorithmen ersetzt
- Der normale Verwaltungsangestellte wird immer seltener benötigt
- Steuerberater und Rechtsanwälte bleiben nicht verschont
- Facharbeiter verschwinden aus robotarisierten Fabriken
- Bus-, Taxi- und Straßenbahnfahrer werden durch autonomes Fahren ersetzt
Erhalten bleiben hingegen soziale und menschennahe Dienstleistungen – Krankenpflege, Erziehung, Beratung – sowie hochspezialisierte Tätigkeiten, die Kreativität, Empathie und Urteilsvermögen erfordern.
Das Mooresche Gesetz – und warum es heute überholt ist
In meinem Vortrag von 2020 habe ich das Mooresche Gesetz als zentralen Taktgeber der exponentiellen Entwicklung zitiert: Rechenleistung verdoppelt sich alle zwei bis drei Jahre, während die Preise sinken. Das stimmte – für Jahrzehnte.
Doch das Bild hat sich grundlegend verändert, und zwar in zwei gegensätzliche Richtungen:
Aktualisierung 2025: Das Mooresche Gesetz in seiner klassischen Form gilt nicht mehr. Die Realität ist gleichzeitig beunruhigender und faszinierender.
Auf der einen Seite stößt die klassische Chip-Miniaturisierung an physikalische Grenzen. Seit etwa 2015 wird der ursprüngliche Zweijahres-Rhythmus nicht mehr eingehalten. Mit Transistoren im Bereich weniger Nanometer spielen Quanteneffekte eine Rolle – Elektronen bewegen sich unkontrolliert durch Sperrschichten, was Signalstörungen und Energieverluste verursacht. Intel erkannte bereits 2015, dass der Zyklus eher 30 statt 18 Monate dauert. Die Chip-Industrie orientiert ihre Roadmaps seither nicht mehr am Mooreschen Gesetz.
Auf der anderen Seite hat die Künstliche Intelligenz ein völlig neues Tempo eingeschlagen, das weit über das Mooresche Gesetz hinausgeht. Aktuelle Studien zeigen: Die Fähigkeiten von KI-Systemen verdoppeln sich derzeit alle sieben Monate – nicht alle zwei Jahre. Das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut weist darauf hin, dass für anspruchsvolle KI-Anwendungen bereits heute eine Rechenleistung benötigt wird, die mehr als fünfmal so hoch ist wie das, was das Mooresche Gesetz vorgeben würde.
Die Industrie reagiert mit völlig neuen Ansätzen: 3D-Chip-Stacking (mehrere Prozessor-Ebenen übereinander), Quantencomputing (Googles Chip „Willow“ löste 2024 Aufgaben in fünf Minuten, für die klassische Supercomputer Milliarden Jahre benötigt hätten) und photonisches Computing, das Licht statt Elektrizität zur Datenverarbeitung nutzt.
Was bedeutet das in der Zusammenfassung? Das Mooresche Gesetz als Faustregel für Hardware-Chips verliert seine Gültigkeit. Als Metapher für die exponentielle Beschleunigung von Technologie und KI ist es aktueller denn je – nur läuft die Kurve heute noch steiler.
„Menschen sind linear. Digitalisierung und Technologie entwickeln sich exponentiell. Und KI beschleunigt diesen Unterschied weiter.“ – Andreas Frick, 2020 – aktualisiert 2025
2025: Was ist eingetroffen – und was hat die KI verändert?
Aktualisierung 2025: Dieser Abschnitt ergänzt den ursprünglichen Vortrag von 2020 um die Entwicklungen der letzten fünf Jahre.
Fünf Jahre später ist das Bild eindeutig: Die Prognosen von 2020 waren richtig. Aber die Geschwindigkeit hat alle Erwartungen übertroffen – vor allem durch einen Faktor, der 2020 noch Zukunftsmusik war: generative Künstliche Intelligenz.
ChatGPT, Claude und Co.: Der Beschleuniger
Als ich 2020 von Künstlicher Intelligenz sprach, meinte ich Automatisierung von Routineaufgaben. Was seit Ende 2022 passiert, ist etwas fundamental anderes: Sprachmodelle wie ChatGPT, Claude oder Gemini können heute Texte schreiben, Code entwickeln, Rechtsfragen analysieren, Marktberichte erstellen und Präsentationen konzipieren – auf einem Niveau, das vor fünf Jahren undenkbar war.
Das trifft nun auch Tätigkeiten, die 2020 noch als sicher galten: Texter, Junior-Berater, Softwareentwickler, Analysten. Die Oxford-Studie hatte für diese Berufe ein geringes Automatisierungsrisiko prognostiziert. KI hat die Spielregeln verändert.
Was eingetroffen ist
- Ein Drittel der Großunternehmen unter Druck: Handelsketten, Medienunternehmen, klassische Banken – der Strukturwandel ist sichtbar
- Autonomes Fahren: Erste kommerzielle Anwendungen in mehreren Ländern
- Verwaltungsdigitalisierung: Sachbearbeitung wird systematisch automatisiert
- Neue Berufsbilder entstehen: Prompt Engineer, AI Trainer, Automation Consultant – genau wie Curt Leonhard es vorhergesagt hatte
Was schneller ging als erwartet
- Generative KI im Büroalltag: 2020 undenkbar, 2025 Standard in vielen Unternehmen
- KI in der Rechtsberatung: Sprachmodelle können heute einfache Verträge prüfen und Urteile recherchieren
- KI im Projektmanagement: Erste Tools unterstützen Risikoanalyse, Ressourcenplanung und Statusreporting
- Videokonferenzen als Normalzustand: Was Corona erzwang, ist zur dauerhaften Arbeitsform geworden
Was das für Ihre Karriere bedeutet
Die entscheidende Frage ist nicht: „Werde ich meinen Job verlieren?“ Die entscheidende Frage ist: „Welche Fähigkeiten machen mich in der neuen Arbeitswelt unersetzlich?“
Die Studien von 2020 und alle seitdem erschienenen kommen zu einer bemerkenswert konsistenten Antwort. Gefragt sind:
- Interdisziplinäres Denken und Systemverständnis in komplexen Situationen
- Ausgeprägte soziale Kommunikationskompetenz und Empathie – Fähigkeiten, die trainiert werden können
- Kreativität und Problemlösungskompetenz im agilen Umfeld
- Projektmanagement-Kompetenz: Vorhaben erfolgreich definieren, planen, steuern und abschließen
- Dienstleistungs- und Kundenorientierung
- Die Fähigkeit, mit Computern, Maschinen und KI-Systemen zu arbeiten und zu kommunizieren
Diese Liste aus 2020 ist heute aktueller denn je. Empathie, Kreativität und systemisches Denken sind genau das, was KI nicht kann – und was Menschen unverwechselbar und unverzichtbar macht.
Was das für Organisationen bedeutet
Auf der Organisationsebene gilt: Wer die digitale Transformation als einmaligen IT-Umbau versteht, hat das Grundprinzip nicht verstanden. Es geht um die Fähigkeit zur kontinuierlichen Veränderung – um das, was Klaus Schwab vom Weltwirtschaftsforum den „Great Reset“ nannte.
Aus der Systemtheorie wissen wir: Die innere Dynamik eines Systems muss größer sein als die Dynamik seines Umfelds. Wer sich schneller anpassen kann als der Markt sich verändert, gewinnt. Das ist der eigentliche Kern von Agilität – nicht Scrum-Rituale, sondern Anpassungsfähigkeit als Organisationsprinzip.
Projektmanagement spielt dabei eine Schlüsselrolle: Jede Veränderung, jede Innovation, jede Transformation wird als Vorhaben und Projekt umgesetzt. Wer diese Vorhaben kompetent führen kann, ist in jeder Organisation und in jeder Branche gefragt.
Fazit: Die Zukunft der Arbeit ist jetzt
Was 2020 Prognose war, ist 2025 Gegenwart. Die Dynamik nimmt weiter zu – und die KI-Entwicklung übertrifft mit einer Verdopplung der Fähigkeiten alle sieben Monate sogar das, was das Mooresche Gesetz je vorhergesagt hatte. Wer sich jetzt mit den Kompetenzen der Zukunft auseinandersetzt – lebenslanges Lernen, Projektmanagement-Kompetenz, digitale Handlungsfähigkeit, Empathie – ist nicht Opfer des Wandels, sondern Gestalter.
„Menschen sind linear. Digitalisierung und Technologie entwickeln sich exponentiell. Und KI lässt die Kurve noch steiler werden.“ – Andreas Frick, 2020 – aktualisiert 2025
Diese Lücke wird nicht kleiner. Aber wer sie kennt, kann damit umgehen – und sie für sich nutzen.
Weiterbildung als Antwort auf den Wandel
Das PROJEKTFORUM begleitet Projektmanager, Führungskräfte und Organisationen dabei, die Kompetenzen der Zukunft zu entwickeln. IPMA-Zertifizierungen, agile Weiterbildungen und maßgeschneiderte Seminare – für Menschen, die den Wandel gestalten wollen.
Kontakt: info@projektforum.de | Tel. 0234 5882 8081
Quellen: Oxford-Studie zur Computerisierung der Arbeitswelt (Frey & Osborne); Weltwirtschaftsforum, Future of Jobs Report; Curt Leonhard, Zukunftsprognosen 2020; Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut, PHOENICS-Projekt 2021; Giga.de, Mooresches Gesetz 2024; Pickert-Blog, KI-Fähigkeiten 2025
Dieser Artikel basiert auf dem YouTube-Vortrag „Zukunft der Arbeit“ von Andreas Frick (PROJEKTFORUM, 2020), aktualisiert und erweitert 2025.



