Digitale Praktiken sind nie fertig.
Eine Struktur, die heute gut passt, kann morgen zu eng oder zu umständlich sein, weil sich das Projekt, das Team oder die Werkzeuge verändert haben. Damit stellt sich die Frage, wie digitale Praktiken über die Zeit besser werden. Die Antwort darauf trennt Reife von Aktionismus.
Aktionismus und Reife sehen auf den ersten Blick ähnlich aus, weil beide etwas verändern. Sie unterscheiden sich aber im Grund der Veränderung. Aktionismus ändert, weil Veränderung Betriebsamkeit signalisiert, und wechselt Werkzeuge, sobald ein neues auftaucht. Reife ändert, weil eine Praxis nachweislich besser werden kann, und sie tut es überlegt. Dieser Beitrag zeigt, wie diese überlegte Weiterentwicklung im Projekt aussieht.
Der Unterschied zwischen Reife und Aktionismus
Aktionismus erkennt man daran, dass er die Veränderung selbst für einen Wert hält. Ein neues Werkzeug wird eingeführt, kaum ist es da, und das vorige wird verworfen, ehe es sich bewähren konnte. Das Team kommt aus dem Umstellen nicht heraus, und die ständige Bewegung wird mit Fortschritt verwechselt.
Reife geht anders vor. Sie hält an einer Praxis fest, solange sie trägt, und ändert sie, wenn ein konkreter Grund dafür spricht. Nicht jede Neuerung wird mitgemacht, aber jede Schwäche der bestehenden Praxis wird ernst genommen. Reife ist damit die ruhigere, aber wirksamere Haltung, weil sie ihre Kraft auf die Veränderungen richtet, die wirklich etwas verbessern.
Überprüfen, was sich bewährt hat
Damit Praktiken besser werden, müssen sie regelmäßig überprüft werden. Das ist keine große Übung, sondern die schlichte Frage, ob eine Struktur, ein Werkzeug oder eine Regel noch das leistet, wofür sie eingeführt wurde. Was sich bewährt, bleibt. Was mehr Mühe macht als Nutzen, wird angepasst oder abgeschafft.
Diese Überprüfung greift einen Gedanken auf, der schon beim Thema Automatisierung stand. Eine Automatisierung, die niemandem mehr dient, konsequent zu beenden, ist kein Rückschritt, sondern Sorgfalt. Dasselbe gilt für jede digitale Praxis. Erst die Bereitschaft, das Eingeführte wieder infrage zu stellen, macht aus einer einmaligen Einführung eine dauerhaft gute Praxis.
Vereinfachen, statt anzuhäufen
Eine besondere Form der Verbesserung ist das Vereinfachen. Digitale Strukturen neigen dazu, mit der Zeit zu wachsen. Es kommt eine Regel hinzu, ein weiteres Feld, noch eine Auswertung, und was als schlanke Struktur begann, wird nach und nach unübersichtlich. Reife zeigt sich darin, diesem Wachstum bewusst entgegenzuwirken.
Vereinfachen heißt, das Überflüssige wegzulassen und das Wesentliche zu behalten. Eine Regel, die niemand mehr braucht, wird gestrichen. Ein Bericht, den niemand liest, wird eingestellt. Das Ergebnis ist eine Struktur, die leichter zu nutzen ist, und eine leichter zu nutzende Struktur wird auch verlässlicher genutzt. Weniger ist hier oft mehr.
Aus Erfahrung und Rückmeldung lernen
Die beste Quelle für Verbesserungen sind die Erfahrung des Teams und die Rückmeldung der Beteiligten. Wer täglich mit einer Struktur arbeitet, merkt am ehesten, wo sie hakt. Und die Stakeholder eines Projekts spüren, ob die digitale Zusammenarbeit für sie funktioniert oder ob sie sie behindert.
Diese Rückmeldungen einzuholen und ernst zu nehmen, ist ein Zeichen von Reife. Es genügt nicht, eine Struktur einmal aufzubauen und sich selbst zu überlassen. Wer regelmäßig fragt, was gut läuft und was stört, und aus den Antworten lernt, entwickelt seine digitalen Praktiken stetig weiter, ohne auf einen großen Wurf zu warten.
| Leitprinzip
Digitale Praktiken werden besser, wenn sie überlegt weiterentwickelt werden, nicht wenn ständig etwas Neues eingeführt wird. Reife heißt, an einer Praxis festzuhalten, solange sie trägt, sie regelmäßig zu überprüfen, das Überflüssige zu vereinfachen und aus Erfahrung und Rückmeldung zu lernen. Veränderung ist dann kein Selbstzweck, sondern folgt einem konkreten Grund. |
Und gerade bei künstlicher Intelligenz?
Kein Bereich verändert sich derzeit so schnell wie die künstliche Intelligenz, und kein Bereich verführt so sehr zum Aktionismus. Fast im Monatstakt erscheint ein neues Werkzeug, das alles besser können soll. Gerade hier ist die reife Haltung wertvoll. Nicht jede Neuerung wird mitgemacht, sondern es wird geprüft, ob sie einen konkreten Nutzen bringt, bevor die bewährte Praxis dafür aufgegeben wird.
Damit digitale Praktiken dauerhaft gut bleiben
Reife statt Aktionismus ist die Haltung, mit der digitale Praktiken dauerhaft gut bleiben. Sie überprüft, vereinfacht und lernt, statt der jeweils neuesten Möglichkeit hinterherzulaufen. Damit schließt sich der Block, der die digitale Kompetenz aus der Sicht der Organisation betrachtet hat, von der Einführung über den bewussten Verzicht bis zur stetigen Verbesserung.
Am Ende dieser Reihe steht die Frage, was digitale Kompetenz insgesamt bedeutet, nicht als Summe einzelner Werkzeuge, sondern als eigenständige Fähigkeit, und was sie für die Entwicklung eines Projektleiters heißt. Damit befasst sich der abschließende Beitrag.
Die Reihe: Digitale Kompetenz im Projektmanagement — Teil 14 von 15
Alle Teile der Reihe im Überblick
Andreas Frick ist Geschäftsführer der Projektforum Rhein Ruhr GmbH, IPMA Level A zertifizierter Trainer und Autor der Bücher „Projektkompetenz I & II“ (Springer, 2025). Er begleitet seit Jahren Projektmanagerinnen und Projektmanager auf dem Weg zur IPMA-Zertifizierung und entwickelt praxisnahe Lernformate an der Schnittstelle von Projektmanagement und digitaler Transformation.


