Noch nie standen einem Projektteam so viele Werkzeuge für die Zusammenarbeit zur Verfügung.
Es gibt Plattformen für Aufgaben, Chats für die schnelle Abstimmung, Ablagen für Dokumente, Anwendungen für Videokonferenzen und dazu die E-Mail, die trotz allem nicht verschwindet. Man könnte meinen, damit sei die Zusammenarbeit so leicht wie nie. In vielen Projekten ist das Gegenteil zu beobachten. Je mehr Kanäle es gibt, desto schwerer fällt es, den Überblick zu behalten.
Der vorige Beitrag hat gezeigt, wie du die Daten deines Projekts liest, um es zu steuern. Doch Daten und Strukturen entfalten ihren Wert nur, wenn das Team tatsächlich in ihnen zusammenarbeitet, und zwar einheitlich. Genau hier entscheidet sich, ob die digitale Ausstattung ein Team trägt oder es zersplittert. Dieser Beitrag zeigt, wie Zusammenarbeitswerkzeuge zusammenhalten, was zusammengehört, statt die Kommunikation über immer mehr Orte zu verteilen.
Warum mehr Werkzeuge nicht mehr Zusammenarbeit bedeuten
Die Schwierigkeit liegt selten an einem einzelnen Werkzeug. Sie entsteht aus ihrer Vielzahl. Dieselbe Information steht dann an drei Stellen, und keine ist verbindlich. Eine Entscheidung wird im Chat getroffen, aber nirgends festgehalten. Ein Dokument wird per E-Mail verschickt, während eine neuere Fassung in der Ablage liegt. Wer etwas sucht, muss an mehreren Orten nachsehen und weiß am Ende nicht, welche Version die richtige ist.
Das eigentliche Problem ist nicht die Technik, sondern die fehlende Vereinbarung, welches Werkzeug wofür genutzt wird. Solange jeder den Kanal wählt, der ihm gerade am nächsten liegt, zerfällt die Zusammenarbeit in viele parallele Stränge. Digitale Kompetenz zeigt sich hier nicht darin, möglichst viele Werkzeuge zu beherrschen, sondern darin, ihre Zahl bewusst zu begrenzen und ihren Einsatz zu ordnen.
Ein Ort je Zweck, verbindlich vereinbart
Der Ausweg aus der Zersplitterung ist eine einfache Regel. Für jeden Zweck gibt es einen vereinbarten Ort, und dieser Ort gilt für alle. Aufgaben und ihr Status leben in der Projektmanagement-Plattform, nicht in verstreuten Notizen. Dokumente liegen in der gemeinsamen Ablage, nicht in den Postfächern Einzelner. Die schnelle, flüchtige Abstimmung findet im Chat statt, die verbindliche Festlegung dagegen an einem Ort, an dem sie auch später noch auffindbar ist.
Dieser Gedanke knüpft an die Kommunikationsmatrix an, die der Beitrag über digitale Strukturen beschrieben hat. Sie hält fest, welche Information über welchen Kanal an wen fließt. Wo eine solche Vereinbarung besteht, muss niemand mehr raten, wo etwas hingehört oder zu finden ist. Zwei kleine Regeln aus demselben Beitrag tragen hier besonders weit. Eine Datei wird nicht per E-Mail verschickt, sondern an ihrem festen Platz abgelegt. Und wer etwas ändert, informiert die Beteiligten über die Änderung, statt eine Kopie in Umlauf zu bringen. So bleibt eine einzige Fassung die gültige.
Die Werkzeuge der Zusammenarbeit und ihre Aufgaben
Für die gemeinsame Arbeit im Projekt haben sich einige Werkzeugarten bewährt, die jeweils einen eigenen Zweck erfüllen. Sie ergänzen einander, wenn ihre Rollen klar sind, und behindern einander, wenn sie sich überschneiden.
Der virtuelle Projektraum. Er bündelt an einem Ort, was zum Projekt gehört, und bildet den gemeinsamen Bezugspunkt für das Team. Wer wissen will, wie es um das Projekt steht, findet hier den Einstieg, statt in mehreren getrennten Anwendungen zu suchen.
Die Kollaborationsfunktionen des Dokumentenmanagements. Sie erlauben es, an denselben Dokumenten gemeinsam zu arbeiten, Änderungen nachzuvollziehen und Anmerkungen direkt am Text zu hinterlassen. Damit erübrigt sich das Hin und Her von Dateiversionen, das im E-Mail-Verkehr so leicht entsteht.
Das Wiki. Es ist der Ort für Wissen, das dauerhaft gültig bleibt, etwa Vereinbarungen, Begriffsklärungen oder wiederkehrende Abläufe. Anders als im Chat, in dem eine Information nach kurzer Zeit nach oben aus dem Blick rutscht, bleibt sie im Wiki auffindbar und lässt sich pflegen.
Der projektinterne Blog. Er hält den zeitlichen Verlauf des Projekts fest, also Neuigkeiten, Entscheidungen und Meilensteine in chronologischer Folge. Während das Wiki den beständigen Wissensstand abbildet, erzählt der Blog die Geschichte des Projekts und hält alle auf demselben Stand.
Hinter dieser Aufteilung steht eine Unterscheidung, die sich zu merken lohnt. Manche Information ist flüchtig und darf es sein, etwa eine kurze Rückfrage im Chat. Andere Information ist bleibend und gehört an einen dauerhaften Ort. Wer beides vermischt, verliert entweder das Wichtige im Strom des Flüchtigen oder überfrachtet den dauerhaften Ort mit Belanglosem.
Konsistenz wiegt schwerer als das perfekte Werkzeug
Bei der Auswahl der Werkzeuge wird oft lange über die beste Lösung gestritten. Diese Frage ist berechtigt, aber sie ist nicht die wichtigste. Entscheidender als die Wahl des perfekten Werkzeugs ist, dass alle dasselbe konsequent nutzen. Ein durchschnittliches Werkzeug, das das ganze Team einheitlich verwendet, trägt die Zusammenarbeit besser als das beste Werkzeug, an das sich nur die Hälfte hält.
Der Grund liegt auf der Hand. Der Wert eines gemeinsamen Ortes entsteht erst dadurch, dass er gemeinsam genutzt wird. Sobald einzelne ausscheren und ihre eigenen Wege gehen, zerfällt der gemeinsame Bezugspunkt, und die Zersplitterung beginnt von Neuem. Konsistenz ist deshalb keine Nebensache der Zusammenarbeit, sondern ihre Voraussetzung.
| Leitprinzip
Vereinbare für jeden Zweck einen gemeinsamen Ort und nutze ihn konsequent. Weniger Werkzeuge, die alle einheitlich verwenden, tragen die Zusammenarbeit weiter als viele Kanäle, in denen jeder für sich arbeitet. Konsistenz wiegt schwerer als das perfekte Werkzeug. |
Und wenn die Werkzeuge künstliche Intelligenz mitbringen?
Zunehmend bringen Zusammenarbeitswerkzeuge KI-Funktionen mit. Sie fassen ein langes Gespräch zusammen, entwerfen eine Antwort oder finden die passende Stelle in einer großen Dokumentensammlung. Das kann die Arbeit erleichtern, solange die Funktion in den vereinbarten Ort eingebettet bleibt. Problematisch wird es, wenn eine neue KI-Anwendung als zusätzlicher Kanal danebentritt und die Zahl der Orte wieder vergrößert, die es eigentlich zu begrenzen galt. Auch hier gilt der Maßstab dieses Beitrags. Ein Werkzeug ist dann gut, wenn es zusammenführt, und fragwürdig, wenn es einen weiteren Strang eröffnet.
Zusammenhalt entsteht aus der Vereinbarung, nicht aus der Technik
Ein Team wird nicht dadurch zusammengehalten, dass es die modernsten Werkzeuge einsetzt, sondern dadurch, dass es sich auf wenige gemeinsame Orte einigt und diese verlässlich nutzt. Die Technik stellt die Möglichkeit bereit, den Zusammenhalt schafft die Vereinbarung. Weniger Werkzeuge, klar zugeordnet und einheitlich genutzt, tragen ein Projekt weiter als eine wachsende Sammlung von Kanälen, in der jeder für sich arbeitet.
Doch selbst die beste Vereinbarung läuft ins Leere, wenn die Beteiligten die Werkzeuge nicht sicher bedienen können. Moderne Anwendungen sind in der Tiefe oft anspruchsvoll, und wer sie nur zur Hälfte beherrscht, nutzt auch den gemeinsamen Ort nur zur Hälfte. Wie ein Team dieses Können gezielt aufbaut, statt es dem Selbststudium zu überlassen, ist das Thema des nächsten Beitrags dieser Reihe.


