Dieser letzte Beitrag der Reihe richtet den Blick nach vorn. Nicht auf die nächste KI-Funktion oder das nächste Tool, sondern auf eine Frage, die für alle relevant ist, die ihre Projektmanagementkompetenz professionell entwickeln und dokumentieren wollen:
Welche Rolle spielt KI-Kompetenz im IPMA-Zertifizierungssystem, und wie verändert sich das, was von einem Projektleiter künftig erwartet wird?
Die Antwort ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil beschreibt, was heute bereits gilt: Wie schon heute KI-Kompetenz in den Kontext des ICB-Rahmens eingeordnet werden kann und was das für die tägliche Praxis bedeutet. Der zweite Teil richtet den Blick auf das, was kommt: Eine Weiterentwicklung des Standards ist absehbar, auch wenn der genaue Zeitpunkt und die Form noch offen sind. Wer sich jetzt vorbereitet, wird davon profitieren.
Was die ICB 4 ist und warum sie für KI-Kompetenz relevant ist
Die Individual Competence Baseline der IPMA, aktuell in Version 4, ist der maßgebliche internationale Standard für Projektmanagementkompetenz. Sie bildet die Grundlage für alle IPMA-Zertifizierungen von Level D bis Level A und beschreibt insgesamt 29 Kompetenzelemente in drei Bereichen: Practice für die methodischen und technischen Kompetenzen, People für die persönlichen und sozialen Kompetenzen, und Perspective für die kontextuellen Kompetenzen.
Der entscheidende Unterschied zur ICB ihrer Vorgängerversionen liegt in ihrem Ansatz. Die ICB 4 beschreibt keine Methoden oder Prozesse, sondern Handlungskompetenzen: die Fähigkeit, in konkreten Projektsituationen kompetent zu handeln. Das macht sie flexibel gegenüber technologischen Veränderungen. Ein Kompetenzstandard, der Handeln beschreibt, lässt sich auf neue Werkzeuge und Rahmenbedingungen anwenden, ohne sofort neu geschrieben werden zu müssen.
Genau das gilt für KI. KI verändert nicht die Grundfragen des Projektmanagements: Wie plane ich sorgfältig? Wie führe ich ein Team? Wie gehe ich mit Unsicherheiten und Risiken um? Wie navigiere ich in einem komplexen Stakeholderumfeld? Diese Fragen bleiben. Was sich verändert, ist die Umgebung, in der sie beantwortet werden müssen, und das Werkzeug, das dabei zur Verfügung steht.
Eine wichtige Einschätzung vorab: Eine ICB 5 ist zum Zeitpunkt dieses Beitrags noch nicht veröffentlicht. Die IPMA entwickelt ihre Standards kontinuierlich weiter, und eine Revision ist mittelfristig zu erwarten. Wie und wann KI als explizites Kompetenzelement Eingang finden wird, ist derzeit offen. Was nicht offen ist: Die KI-Kompetenz ist bereits heute prüfungsrelevant, weil sie in den bestehenden Kompetenzelementen der ICB 4 direkt abgebildet werden kann.
Wie KI-Kompetenz schon heute in die ICB 4 passt
Man muss nicht auf eine neue Version des Standards warten, um KI-Kompetenz als Teil der eigenen Projektmanagementkompetenz zu verstehen und weiterzuentwickeln. Die bestehenden 29 Kompetenzelemente der ICB 4 bieten bereits heute einen Rahmen, in dem sich KI-bezogene Kompetenzen präzise verorten lassen.
| ICB-Bereich | Frage, die sich neu stellt | Konkrete Beispiele |
| Practice (Methoden) | Welche Methoden und Werkzeuge werden durch KI ergänzt oder verändert? Wo entsteht neues methodisches Können? | KI-gestützte Risikoanalyse, Prompt Engineering für Projektberichte, automatisierte Fortschrittsauswertung |
| People (Soziale Kompetenzen) | Wie verändert KI die Kommunikation, Führung und Zusammenarbeit im Team? Was bleibt genuinen menschlichen Kompetenzen vorbehalten? | Feedbackgespräche, Konfliktlösung, ethische Entscheidungen, Motivation von Teammitgliedern |
| Perspective (Kontext) | Welche neuen Rahmenbedingungen schafft KI für das Projekt und die Organisation? Welche Governance-Fragen entstehen? | EU AI Act als Projektkontext, KI-Policy der Organisation, Haftungsfragen bei KI-gestützten Entscheidungen |
Diese Einordnung ist nicht künstlich. Sie zeigt, dass KI-Kompetenz keine Sonderkompetenz außerhalb des bestehenden Rahmens ist, sondern eine Erweiterung und Vertiefung bestehender Kompetenzen. Wer Risiken mit KI-Unterstützung identifiziert und bewertet, übt eine Practice-Kompetenz. Wer entscheidet, wann KI nicht eingesetzt werden soll, weil die Beziehungsebene entscheidend ist, übt eine People-Kompetenz. Wer seinen Auftraggeber über die rechtlichen Rahmenbedingungen des KI-Einsatzes im Projekt informiert, übt eine Perspective-Kompetenz.
Was sich im Zertifizierungsprozess bereits verändert
Auch wenn die ICB 4 noch keinen expliziten KI-Kompetenzabschnitt enthält, hat die Veränderung der Praxis bereits begonnen. Erstens integrieren immer mehr Trainings- und Qualifizierungsangebote im IPMA-Kontext KI-Themen als eigenständigen Inhalt. Anbieter, die IPMA-Level-D-Vorbereitungen durchführen, ergänzen ihre Curricula um KI-Grundlagen, rechtliche Rahmenbedingungen und praktische Anwendungsfälle. Das ist kein Zufall, sondern eine Reaktion auf die veränderte Praxis.
Zweitens verändert sich, welche Beispiele und Erfahrungen Kandidaten in IPMA-Assessments einbringen. Wer heute einen Bericht für eine IPMA-Zertifizierung auf Level C oder höher verfasst, kann KI-gestützte Arbeitsweisen als Teil seiner Projektpraxis darstellen, sofern er dabei Verantwortung, kritisches Urteilsvermögen und bewusste Entscheidungen demonstriert. Nicht das Tool ist das Kompetenzthema, sondern der reflektierte Umgang damit.
Drittens verändert sich die implizite Erwartungshaltung an Projektleiter auf höheren Zertifizierungsleveln. Wer heute IPMA Level B oder A anstrebt, sollte in der Lage sein zu erklären, wie er KI in komplexen Projekten und Programmen einsetzt, wo er ihre Grenzen zieht und wie er sicherstellt, dass sein Team dabei verantwortungsvoll vorgeht. Diese Erwartung ist noch nicht formalisiert, aber sie ist real.
Für Zertifizierungskandidaten: Wer eine IPMA-Zertifizierung anstrebt, profitiert davon, KI-Nutzung in der eigenen Projektpraxis reflektiert dokumentieren zu können. Nicht als Aufzählung genutzter Tools, sondern als Beschreibung von Situationen, in denen KI das eigene Urteilsvermögen ergänzt hat, und von Situationen, in denen bewusst auf KI verzichtet wurde.
Was eine künftige Weiterentwicklung des Standards bedeuten könnte
Die IPMA hat die ICB 4 mit dem expliziten Anspruch veröffentlicht, einen lebendigen Standard zu schaffen, der mit den Anforderungen der Praxis Schritt hält. Die ICB 4 selbst hat Nachhaltigkeit und Agilität als neue Themen integriert, die in Vorgängerversionen noch nicht enthalten waren. Beides war zum Zeitpunkt der ICB 3 ebenfalls keine Selbstverständlichkeit in der Projektmanagementpraxis.
Es ist daher gut begründet anzunehmen, dass eine künftige Weiterentwicklung des Standards KI-Kompetenz explizit adressieren wird. Die Frage ist nicht ob, sondern wann und in welcher Form. Aus der bisherigen Logik des Standards lassen sich drei Szenarien ableiten:
– KI als neues Kompetenzelement im Bereich Practice: Ein eigenständiges Element, das den kompetenten Umgang mit KI-Werkzeugen und KI-gestützten Methoden beschreibt. Das wäre die direkteste Reaktion auf die technologische Veränderung und entspräche dem Muster, wie Agilität in die ICB 4 integriert wurde.
– Erweiterung bestehender Elemente um KI-Indikatoren: Statt eines neuen Elements würden die bestehenden 29 Kompetenzelemente um spezifische Indikatoren ergänzt, die den KI-Kontext adressieren. Das wäre ein weniger sichtbarer, aber ebenso wirksamer Weg, KI-Kompetenz im Standard zu verankern.
– KI als Querschnittsthema in allen drei Bereichen: Eine horizontale Integration, die KI nicht als isolierte Kompetenz behandelt, sondern als Rahmenbedingung, die alle drei Bereiche, Practice, People und Perspective, durchzieht. Das entspräche dem tatsächlichen Charakter von KI im Projektalltag am ehesten.
Welches dieser Szenarien sich durchsetzt, wird von der IPMA in enger Abstimmung mit ihren nationalen Mitgliedsorganisationen entschieden werden. Was sicher ist: Der Standard wird sich anpassen. Und wer bereits heute kompetent mit KI umgeht, wird von dieser Anpassung profitieren, ohne zusätzlichen Aufwand betreiben zu müssen.
Was das für deine persönliche Kompetenzentwicklung bedeutet
Die Botschaft dieses Beitrags und dieser gesamten Reihe lässt sich auf einen Gedanken verdichten: KI-Kompetenz ist keine technische Zusatzqualifikation neben dem Projektmanagement. Sie ist ein integraler Bestandteil der Handlungskompetenz, die Projektleiter heute benötigen, um in einer veränderten Projektumgebung wirksam zu sein.
Das hat eine konkrete Konsequenz für die persönliche Kompetenzentwicklung. Sie verläuft nicht sequenziell, also nicht erst Projektmanagement lernen und dann KI dazunehmen. Sie verläuft parallel und integriert: KI-Kompetenz entwickelt sich in der Praxis des Projektmanagements, durch den bewussten und reflektierten Einsatz von KI in realen Projektsituationen.
Was du jetzt tun kannst
– Die eigene KI-Praxis dokumentieren. Wer KI im Projektalltag einsetzt, sollte beginnen, diese Erfahrungen strukturiert festzuhalten: Welche Aufgaben? Welche Tools? Welche Ergebnisse? Wo wurde KI bewusst nicht eingesetzt, und warum? Diese Dokumentation ist die Grundlage für jedes künftige Zertifizierungsverfahren, in dem KI-Kompetenz relevant wird.
– Die ICB-Kompetenzelemente mit dem eigenen KI-Einsatz verbinden. Wer die 29 Kompetenzelemente der ICB 4 kennt, kann für jedes davon die Frage beantworten: Welche Rolle spielt KI bei der Ausübung dieser Kompetenz in meinen Projekten? Dieses Übertragen ist keine akademische Übung, sondern ein präzises Instrument zur Selbstreflexion.
– In der Gemeinschaft der Projektmanagementprofis präsent bleiben. Die GPM, pma und andere nationale IPMA-Mitgliedsorganisationen begleiten die Weiterentwicklung des Standards aktiv. Wer an Fachveranstaltungen teilnimmt, Fachliteratur verfolgt und den Austausch mit anderen Praktikerinnen und Praktikern sucht, wird frühzeitig wissen, wohin die Entwicklung geht.
– Das eigene Team mitnehmen. KI-Kompetenz im Projektmanagement ist keine Einzeldisziplin. Sie entfaltet ihre volle Wirkung in einem Team, das gemeinsam gelernt hat, KI sinnvoll einzusetzen, gemeinsam reflektiert, wo die Grenzen liegen, und gemeinsam Veräntwortung übernimmt für das, was dabei entsteht. Der Projektleiter, der das gelernt hat, hat mehr gelernt als Prompt Engineering.
Ein persönliches Schlusswort: Diese Reihe hat zwölf Themen behandelt, die zusammen ein Bild ergeben: KI im Projektalltag ist möglich, sinnvoll und unvermeidlich. Aber sie erfordert Kompetenz, nicht nur Zugang. Wer KI so einsetzt, dass er damit tatsächlich besser führt, besser entscheidet und sein Team besser unterstützt, hat verstanden, worum es geht. Wer KI nur nutzt, weil es alle tun, wird enttäuscht sein. Der Unterschied liegt nicht im Tool. Er liegt in der Haltung.
Diese Blogreihe hat zwölf Beiträge umfasst, von den Grundlagen des Prompt Engineerings bis zur Frage, was KI-Kompetenz für die professionelle Entwicklung als Projektmanagerin oder Projektmanager bedeutet. Alle Beiträge sind auch als Seminargrundlage verwendbar und stehen als Download zur Verfügung. Wer das Thema vertiefen möchte, findet in unseren Seminaren praxisnahe Lernformate, die auf der ICB 4 aufbauen und KI-Kompetenz als integralen Bestandteil der Projektmanagementpraxis behandeln.
Andreas Frick ist Geschäftsführer der Projektforum Rhein Ruhr GmbH, IPMA Level A zertifizierter Trainer und Autor der Bücher „Projektkompetenz I & II“ (Springer, 2025). Er begleitet seit Jahren Projektmanagerinnen und Projektmanager auf dem Weg zur IPMA-Zertifizierung und entwickelt praxisnahe Lernformate an der Schnittstelle von Projektmanagement und digitaler Transformation.


