Wenn ein Projekt ins Stocken gerät, liegt das selten an fehlenden Werkzeugen.
Häufiger liegt es daran, dass niemand mehr weiß, wo die aktuelle Version eines Dokuments liegt, dass Statusinformationen an drei verschiedenen Orten gepflegt werden und dass jeder im Team seinen eigenen Weg gefunden hat, Aufgaben festzuhalten. Das sind keine technischen Probleme. Es sind die Folgen einer digitalen Struktur, die nie bewusst aufgebaut wurde, sondern nach und nach von selbst entstanden ist.
Der erste Beitrag dieser Reihe hat digitale Kompetenz als das Zusammenspiel von Gestalten, Anwenden und Sicherstellen beschrieben, der zweite, wie du die passenden Werkzeuge auswählst und einrichtest. Dieser Beitrag nimmt sich die erste und tragende Bewegung des Gestaltens vor: den Aufbau der Struktur in diesen Werkzeugen. Denn bevor digitale Werkzeuge im Alltag wirken können, muss die Struktur stehen, in der sie wirken. Wer sie bewusst aufbaut, schafft die Grundlage für planbare und nachvollziehbare Arbeit. Wer sie dem Zufall überlässt, zahlt später in Form von Reibung, Suchzeit und Missverständnissen.
Woraus eine digitale Struktur besteht
Bevor sich eine Struktur bewusst aufbauen lässt, hilft es, sie in ihre Bestandteile zu zerlegen. Vier Elemente bilden die digitale Grundlage fast jedes Projekts. Sie sind nicht spektakulär, aber ihre bewusste Gestaltung entscheidet darüber, ob die spätere Arbeit rund läuft.
Die Plattform. Sie ist der Ort, an dem geplant, dokumentiert und zusammengearbeitet wird. Ob es sich um eine umfassende Projektmanagement-Software handelt oder um eine schlanke Kombination weniger Anwendungen, ist zunächst zweitrangig. Wichtig ist, dass es einen klar benannten Ort gibt und nicht ein halbes Dutzend paralleler Schauplätze.
Die Ablage. Sie legt fest, wo welche Information liegt und wie sie zu finden ist. Zu einer durchdachten Ablage gehören eine logische Ordnerstruktur, einheitliche Benennungskonventionen, eine klare Versionierung und gezielt vergebene Zugriffsrechte. Ein einfacher, aber wirkungsvoller Grundsatz ist dabei, die Dokumente des Projektmanagements von den Dokumenten des Projektgegenstands zu trennen, damit beide Welten nicht durcheinandergeraten. Fehlt eine solche verlässliche Ablage, entstehen Kopien, Zweitfassungen und am Ende Unsicherheit darüber, welcher Stand der richtige ist.
Die Prozesse. Sie beschreiben, wie Informationen im Projekt fließen, also wer welche Angaben wann und in welcher Form pflegt. Damit dieser Fluss nicht dem Zufall überlassen bleibt, haben sich einfache Instrumente bewährt. Eine Informationsbedarfsmatrix hält fest, welcher Stakeholder welche Information zu welchem Zeitpunkt und aus welchem Grund benötigt. Eine Kommunikationsmatrix beschreibt die geplante Regelkommunikation, sodass kein wichtiger Stakeholder kommunikativ vom Projekt abgekoppelt wird. Und eine Dokumentenmatrix verzeichnet, welches Dokument in welcher Version, mit welchem Status und an welchem Ort vorliegt und wer dafür verantwortlich ist.
Die Kennzahlen. Sie machen den Fortschritt eines Projekts ablesbar. Wenige, gut gewählte Kennzahlen zeigen verlässlich, ob das Vorhaben auf Kurs ist. Eine Struktur ohne solche Größen lässt das Projekt im Ungefähren, eine Struktur mit zu vielen erstickt die Aussage in Daten, die niemand mehr deutet.
Das ist nicht neu: Information und Dokumentation
Wer genauer hinsieht, erkennt, dass an dieser Stelle nichts Neues erfunden wird. Der bewusste Aufbau digitaler Strukturen ist die heutige Form einer Disziplin, die im Projektmanagement seit Langem etabliert ist, das Informations- und Dokumentationsmanagement. Seine Aufgabe ist es seit jeher, dafür zu sorgen, dass die richtige Information zur richtigen Zeit, in der richtigen Form und für die richtigen Personen verfügbar ist. Genau das leistet eine gut gebaute digitale Struktur.
Das Digitale ändert nicht das Ziel, sondern die Mittel. Die Matrizen, die früher als Tabelle im Projekthandbuch standen, leben heute in einer Plattform und aktualisieren sich teilweise von selbst. Die Ablage, die einst aus Ordnern im Regal bestand, ist zu einer strukturierten digitalen Ablage oder einem Dokumentenmanagementsystem geworden. Wer die bewährte Methode kennt, baut seine digitale Struktur schneller und sicherer auf, weil er weiß, worauf es ankommt. Das digitale Werkzeug ersetzt die Methode nicht, es setzt sie um.
Wie du eine digitale Struktur bewusst aufbaust
Die Bestandteile zu kennen, ist das eine. Sie so zusammenzufügen, dass sie tragen, ist das andere. Vier Prinzipien helfen dabei, eine Struktur bewusst statt zufällig entstehen zu lassen.
Geh vom Bedarf aus. Welche Informationen braucht das Projekt, wer benötigt sie und wann? Aus dieser Antwort ergibt sich, welche Struktur sinnvoll ist. Welches Werkzeug diese Struktur am besten trägt, hat der vorige Beitrag behandelt; hier geht es darum, in dem gewählten Werkzeug die Struktur selbst zu durchdenken, statt sich von dessen Eigenheiten treiben zu lassen.
Halte die Struktur so einfach wie möglich. Jede zusätzliche Ablage, jedes weitere Werkzeug und jeder zusätzliche Prozess kostet Aufmerksamkeit. Eine gute Struktur ist deshalb so schlank wie möglich und so reichhaltig wie nötig. Im Zweifel ist die einfachere Lösung die bessere, weil sie eher genutzt und seltener umgangen wird.
Baue auf vorhandenen Standards auf. In den meisten Organisationen gibt es bereits etablierte Wege, wie Projekte abgelegt, benannt und berichtet werden, oft festgehalten in einem Projektmanagementhandbuch. Diese Standards zu nutzen, ist kein Mangel an Eigenständigkeit, sondern ein Gewinn. Sie sind erprobt, sie sind den Beteiligten vertraut, und sie sparen die Mühe, das Bewährte neu zu erfinden. Eigene Strukturen lohnen sich dort, wo das Projekt wirklich besondere Anforderungen hat.
Lege früh fest und halte es durch. Eine Struktur entfaltet ihren Wert erst, wenn sie steht, bevor die eigentliche Arbeit beginnt, und wenn sie dann konsequent gehalten wird. Wer mitten im Projekt die Ablage umstellt oder die Kennzahlen wechselt, verliert die Vergleichbarkeit und verwirrt das Team. Das schließt spätere Anpassungen nicht aus, aber sie sollten die Ausnahme sein und bewusst entschieden werden.
Drei K’s für eine Struktur, die trägt
Ob eine Dokumentation analog oder digital geführt wird, sie lässt sich an drei Grundsätzen messen, die ich die drei K’s nenne. Sie gelten für die Struktur als Ganzes ebenso wie für jedes einzelne Dokument.
Konkretisierung. Die Inhalte werden so konkret benannt, dass Missverständnisse selten werden und alle Beteiligten dasselbe darunter verstehen. Ein Ablageort mit dem Namen „Sonstiges“ ist das Gegenteil von Konkretisierung.
Klarheit. Die Struktur ist klar genug, dass jeder im Team sie ohne langes Nachfragen versteht und nutzt. Klarheit schafft Vertrauen und ist die Grundlage für koordiniertes Arbeiten.
Konsequenz. Was vereinbart wurde, wird konsequent gelebt, oder es wird bewusst wieder abgeschafft. Eine Regel, die stillschweigend unter den Tisch fällt, richtet mehr Schaden an als gar keine Regel, weil niemand mehr weiß, woran er sich halten kann. Damit ist die Konsequenz zugleich die Brücke zur dritten Bewegung der digitalen Kompetenz, dem Sicherstellen, das ein späterer Beitrag dieser Reihe aufgreift.
Wie das in der Praxis aussieht
Ein Beispiel macht den Unterschied greifbar. Zwei Projektleiter starten ein vergleichbares Vorhaben. Der erste beginnt sofort mit der inhaltlichen Arbeit und richtet ein, was gerade gebraucht wird, ein Dokument hier, eine Tabelle dort, eine kurze Nachricht im Chat. Nach wenigen Wochen liegen Informationen verstreut, und das Team verbringt spürbar Zeit mit Suchen und Nachfragen.
Die zweite Projektleiterin nimmt sich zu Beginn einen halben Tag. Sie legt fest, dass das gesamte Projekt auf einer Plattform geführt wird, vereinbart eine einfache Logik für die Ablage und die Benennung von Dokumenten und bestimmt, dass die Teilprojektleitungen ihren Status jeden Freitag aus dem Plan heraus aktualisieren. Für die Steuerung wählt sie drei Kennzahlen, die sie wirklich braucht. Dieser halbe Tag zahlt sich über die gesamte Laufzeit aus, denn jede spätere Frage hat von Anfang an einen verlässlichen Ort, an dem sie beantwortet wird.
Wie die Einrichtung einer Baustelle
Der Aufbau einer digitalen Struktur ähnelt der Einrichtung einer Baustelle. Bevor das erste Fundament gegossen wird, stehen der Bauzaun, die Wege, der Kran und die Lagerflächen. Niemand käme auf die Idee, diese Einrichtung für überflüssig zu halten, obwohl sie selbst kein einziges Bauteil des fertigen Gebäudes ist. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass alles Weitere geordnet ablaufen kann.
Mit der digitalen Grundlage eines Projekts verhält es sich genauso. Die Plattform, die Ablage, die Prozesse und die Kennzahlen sind die Einrichtung, in der die eigentliche Projektarbeit stattfindet. Sie tauchen in keinem Ergebnisbericht als eigenständige Leistung auf, und doch entscheidet ihre Qualität darüber, wie reibungslos das Projekt vorankommt. Wer sie überspringt und sofort loslegt, baut auf einer Baustelle ohne Wege und Lager.
Aus dem Gesagten ließe sich der falsche Schluss ziehen, mehr Struktur sei immer besser. Das Gegenteil ist der Fall. Eine Struktur, die jeden Schritt vorschreibt und jede Information in ein starres Schema zwingt, erstickt die Arbeit, statt sie zu tragen. Sie wird umgangen, sobald sie als Last empfunden wird, und verliert damit ihren Sinn.
Das richtige Maß liegt zwischen zwei Fehlern. Der eine ist die fehlende Struktur, in der jeder seinen eigenen Weg geht und nichts auffindbar bleibt. Der andere ist die Überstrukturierung, die mehr Aufwand erzeugt, als sie erspart. Die Kunst des bewussten Aufbaus besteht darin, genug Struktur zu schaffen, damit das Projekt getragen wird, und sie zugleich leicht genug zu halten, damit sie sich an Veränderungen anpassen lässt.
| Leitprinzip
Eine digitale Struktur ist dann gut, wenn jeder im Team jederzeit weiß, wo Informationen entstehen, wo sie verlässlich zu finden sind und woran sich der Fortschritt ablesen lässt. Alles, was darüber hinausgeht, sollte sich an dieser einfachen Probe messen lassen. |
Drei Dinge, damit die Struktur im Alltag trägt
Eine bewusst aufgebaute Struktur ist die Grundlage, auf der alles Weitere ruht. Aber sie steht und fällt mit ihrer Nutzung. In meinen Seminaren und Projekten bringe ich es auf drei Dinge, die zusammenkommen müssen, damit eine digitale Struktur nicht nur auf dem Papier existiert, sondern im Alltag trägt.
Erstens das Konzept. Das ist die Struktur, die dieser Beitrag beschrieben hat, einschließlich der Regeln für den Umgang mit ihr. Eine solche Regel kann zum Beispiel lauten, dass Dateien nicht mehr per E-Mail verschickt werden, sondern an ihrem festen Platz liegen. Wer etwas ändert, verschickt keine neue Kopie, sondern hinterlegt die Änderung am vereinbarten Ort und informiert die Beteiligten darüber. Ohne solche Regeln bleibt die durchdachteste Ablage wirkungslos.
Zweitens das Können. Die Beteiligten müssen die Werkzeuge tatsächlich beherrschen. Man kann ein Werkzeug nicht einfach einführen und erwarten, dass alle damit umgehen können, denn moderne Werkzeuge sind in der Bearbeitung oft komplex. Ohne Schulung und Einarbeitung scheitert auch ein gutes Konzept, weil es schlicht nicht richtig angewendet wird.
Drittens ein Aufpasser. Es braucht jemanden, der darauf achtet, dass die vereinbarte Struktur auch gelebt wird. In kleinen Projekten kann der Projektleiter diese Rolle selbst übernehmen, in großen Projekten gehört sie in eine eigene Hand. Das ist keine Frage des Misstrauens, sondern der Erfahrung: Es gibt immer Beteiligte, die ein Dokument doch nicht dort ablegen, wo es hingehört. Wenn niemand darauf achtet, kehrt über kurz oder lang das Chaos zurück, das die Struktur gerade verhindern sollte.
Dieser Beitrag hat das erste der drei Dinge geliefert, das Konzept mit seinen Regeln. Das Können und den Aufpasser nehmen sich spätere Beiträge dieser Reihe genauer vor. Der nächste Beitrag bleibt zunächst beim Konzept und stellt eine Frage, die sich von selbst ergibt, sobald die Struktur steht: Welche der wiederkehrenden Schritte lassen sich automatisieren, sodass sie das Team entlasten statt es zu binden? Er zeigt, was sich zu automatisieren lohnt und was bewusst in menschlicher Hand bleibt.


